Missbrauch im Kloster erstmals vor einem Strafgericht

Missbrauch im Kloster erstmals vor einem Strafgericht
Markus Rohrhofer, 30. Juni 2013, 17:50
Am Landesgericht Steyr startet der Prozess gegen einen ehemaligen hochrangigen Geistlichen des Stiftes Kremsmünster. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 79-Jährigen unter anderem schweren sexuellen Missbrauch vor

Linz – Wenn Pater A. heute, Montag, im großen Schwurgerichtssaal vor Richter Wolf-Dieter Graf Platz nimmt, wird es für jene, denen der ehemalige Konviktsdirektor des Stiftes Kremsmünster über Jahre seine ganz besondere „Fürsorge“ zukommen ließ, wohl eine späte Genugtuung sein. Erstmals muss sich mit dem heute 79-Jährigen ein hochrangiger Geistlicher in Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen vor einem weltlichen Strafgericht verantworten.

Ein Blick in den rund 1200 Seiten starken Gerichtsakt, der dem Standard vorliegt, lässt den Heiligenschein von Pater A. rasch verblassen: Körperverletzung, sexueller Missbrauch von Jugendlichen, sexueller Missbrauch von Unmündigen, schwerer sexueller Missbrauch von Jugendlichen, Vergewaltigung, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses, gefährliche Drohung und Nötigung, Quälen oder Vernachlässigen unmündiger oder wehrloser Personen. Und ein Vergehen nach dem Waffengesetz – der beschuldigte Pater besaß illegal eine Pumpgun sowie eine Pistole und soll damit einen Schüler bedroht haben. Dem Gottesmann drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Vom Bekanntwerden der Missbrauchsaffäre von Kremsmünster bis zur Anklage sind mehr als drei Jahre vergangen. Ursprünglich wurde in 39 Fällen ermittelt. Einige Verfahren wurden eingestellt, weil die Vorfälle verjährt oder die Beweise zu dünn waren. Übrig blieben 24 Opfer und ein mutmaßlicher Täter.
Längere Verjährungsfrist

Auch die jetzt strafrechtlich zu beurteilenden Delikte waren, da die Übergriffe zwischen 1970 und 1995 passiert sein sollen, eigentlich verjährt. Doch die entscheidende Wende brachte ein von der Staatsanwaltschaft Steyr in Auftrag gegebenes Gutachten der Linzer Psychiaterin Adelheid Kastner. Sie attestierte drei von 14 untersuchten Personen „schwere Folgen“, was die Verjährungsfrist verlängert und eine Anklage noch möglich macht.

Der Ex-Geistliche soll demnach, laut Anklage, von September 1973 bis Juni 1993 an 15 Zöglingen „sexuelle Handlungen unterschiedlicher Intensität“ vorgenommen haben. Hinzu kommen weitere neun Schüler, die Opfer gewalttätiger Übergriffe waren: Ohrfeigen, Tritte, „Stereowatschen“, Schläge mit der Ochsenpeitsche.
„Pädophile“ Neigung

Der mittlerweile wieder in den Laienstand zurückversetzte ehemalige Ordensmann verweigerte Ermittlern gegenüber die Aussage. In einem früheren Verfahren hingegen, das 2008 wegen Verjährung eingestellt wurde, hatte Pater A. zugegeben, dass die Übergriffe „möglich“ gewesen seien, und zudem eine „homoerotische und pädophile“ Neigung eingeräumt.

Das dem Standard vorliegende Einvernahmeprotokoll der Staatsanwaltschaft Steyr 2008 belegt eindeutig, dass der jetzt beschuldigte Pater A. bereits 1995 unter Missbrauchsverdacht stand und von der Ordensleitung „intern“ versetzt wurde.
Prozess für vier Tage anberaumt

Pater A. begründete dies damals wie folgt: „… Auslöser war der Vorfall mit Herrn R. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, da in diesem Zeitraum auch die Affäre Groër für Aufsehen gesorgt hat.“ Nach seiner darauffolgenden Abberufung war der Benediktinermönch noch zwei Jahre als Lehrer sowie als Leiter des Knabenchors tätig gewesen.

Der Prozess ist für vier Tage anberaumt. Die Öffentlichkeit dürfte über weite Strecken von der Verhandlung ausgeschlossen werden. Im Stift selbst begrüßt man das Strafverfahren: „Damit wird Klarheit geschaffen. Ehemaligen Schülern, die im Stift Kremsmünster Leid erfahren haben, soll dadurch Gerechtigkeit wiederfahren. Auch wenn es wehtut: Nur ein richtiges Bild d…..
Weiterlesen und Originallink: http://derstandard.at/1371171067386/Missbrauch-im-Kloster-erstmals-vor-einem-Strafgericht

Faschismus mit Kirche und Kindesmissbrauch:

Zwölf Jahre Haft für ehemaligen Kremsmünster-Pater

03.07.2013 | 17:21 |   (DiePresse.com)

Der frühere Konviktsleiter des Stifts Kremsmünster wurde wegen schweren Missbrauchs ehemaliger Zöglinge verurteilt. Opferanwälte haben ihn nun auch wegen NS-Wiederbetätigung angezeigt.
STEYR/RED./APA. Schwerer sexueller Missbrauch von Unmündigen, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses, Quälen unmündiger Personen: Wegen dieser Delikte und anderer Vorwürfe, etwa wegen des unerlaubten Besitzes einer Pumpgun, wurde am Mittwoch der frühere Konviktsleiter des Stifts Kremsmünster, der frühere Pater A., verurteilt. Die Strafe: zwölf Jahre Haft. Voriges Jahr war der mittlerweile 79-jährige Pensionist in den Laienstand zurückversetzt worden. Sein Urteil ist nicht rechtskräftig.

Ein Schöffensenat des Landesgerichts Steyr (Oberösterreich) unter dem Vorsitz von Richter Wolf-Dieter Graf war der Anklage gefolgt. Diese hatte 24 Opfer aufgelistet. 15 der 24 ehemaligen Zöglinge waren als Opfer erzwungener sexueller Handlungen, die anderen als Opfer gewalttätiger Übergriffe eingestuft worden. Der Richter sah eine „Strukturiertheit in den Verfehlungen“ des Angeklagten. Erschwerend wertete der Senat den langen Tatzeitraum (Übergriffe zwischen 1973 und 1993, keine Verjährung wegen der Spätfolgen der Opfer). Der Richter erklärte: „Die Dauer der Taten und die Gleichgültigkeit des Angeklagten übersteigt für uns alles Dagewesene.“ Und er ersuchte die Opfer um Verständnis, dass es nicht Kompetenz des Strafgerichts sei, das Verhalten anderer Akteure über die Anklage hinaus zu beleuchten. „In einem anderen Umfeld wären diese Vorfälle unmöglich gewesen.“
38 Opfer aus dem Stift hatten sich bei der Klasnic-Kommission gemeldet. Ermittlungen in den – nun abgehandelten – 24 Fällen mündeten in die Anklage. Außer dem früheren Ordensmann waren auch zwei andere Geistliche ins Visier der Justiz geraten. Die Ermittlungen gegen sie wurden aber eingestellt. Das Stift zahlte mittlerweile 700.000 Euro an die Opfer.

„Im Namen Gottes die Opfer für ihr Leben zu brandmarken und ihr Leben zu verpfuschen“ könne nur mit schwerer Strafe beantwortet werden, hatte ein Opfervertreter vor der Urteilsverkündung gesagt.s
Vorwurf: Wiederbetätigung

Auch wurde am Mittwoch eine neue strafrechtliche Front eröffnet: Der Ex-Konviktsleiter wurde von Opfervertretern wegen Wiederbetätigung angezeigt. Dabei geht es um Äußerungen, die der Angeklagte vor Zöglingen gemacht haben soll – wie: „Ich hol‘ die Pumpgun und erschieß dich, du Jud!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 4. Juli 2013)
Mehr auf DiePresse.com

Kremsmünster: Erster Prozess in Missbrauchsaffäre
Kremsmünster: Ermittlungen wegen Wiederbetätigung
Kremsmünster: „Für immer etwas kaputtgegangen“
Quelle und Originallink: http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/1426049/Zwoelf-Jahre-Haft-fuer-ehemaligen-KremsmuensterPater-

Vertuschung durch Institutionen, jetzt Beweis: nur geschwärzte Heimakten

Land Gibt Fursorge-opfern Nur Geschwarzte Akten Zur Einsicht

Saltzburger Fenster
June 28, 2013

http://www.salzburger-fenster.at/redaktion/aktuelle_berichte/land_gibt_fuersorge_opfern_nur_geschwaerzte_akten_zur_einsicht_art3897/

Gut 10.000 ehemalige Heim- und Pflegekinder in Osterreich wurden in den Nachkriegsjahren Opfer eines Fursorge- und Erziehungssystems, das noch im Geiste des Nationalsozialismus stand. Die Kinder sollten mit unerbittlicher Harte, Gewalt und Arbeit gebrochen werden. Zwei Drittel der Zoglinge wurden auch sexuell missbraucht. Historiker sprechen von einem geschlossenen, repressiven System, das Behorden, Gerichte und Kirche gegenuber den schutzlosen Kindern errichtet hatte. Das Land Salzburg hat in 20 Fallen 265.000 Euro Entschadigung bezahlt – bundesweit gehen die Summen in Richtung 30 Mio. Euro. Aus Furcht vor moglichen weiteren Schmerzengeld- und Opferrentenklagen durften Betroffene in Salzburg bis jetzt lediglich Fragen zu ihrem Akt stellen. Nun soll endlich das Versprechen von Ex-Sozialreferent Walter Steidl auf echte Akteneinsicht umgesetzt werden. Daten Dritter werden jedoch geschwarzt, hei?t es in der Sozialabteilung. Ob man dazu etwa auch (Halb-)Geschwister zahlt, ist noch offen.

Die Suche nach dem gestohlenen Leben

Viele ehemalige Heimkinder sind schwer erschuttert, wenn sie ihren Fursorgeakt lesen. Oftmals erfahren sie dann, wie sehr ihre Eltern sie verraten haben und wie verachtend der Blick der Behorden auf sie war.

Die 52-jahrige Margret Lauchbauer (Name geandert, als Kind im Bild oben rechts) wurde in einem Freudenhaus in Vorarlberg geboren und der Mutter als halbverhungerter Saugling weggenommen. Die Fursorge brachte das Baby ins SOS-Kinderheim in Seekirchen und verfrachtete das heranwachsende Madchen in der Folge auf gut 20 Heim- und Pflegeplatze in halb Osterreich, weil es immer wieder ausriss. Mit 16 sei sie als Kindermadchen in eine Familie in der Stadt Salzburg gesteckt und vom dortigen Familienoberhaupt vergewaltigt worden, erzahlt Frau Lauchbauer. Der Mann habe eine kleine Geldstrafe erhalten. Mit 17 wurde sie von ihrem Freund schwanger.

Kinder wegnehmen

Die Fursorge nahm ihr das Kind ab und lie? die Polizei kommen, als die blutjunge Mutter nach der Entbindung per Autostopp zum Krankenhaus nach Innsbruck gefahren war, um ihren Sohn zu holen. „Man hat mich in Handschellen gelegt und mir gedroht, dass ich ins Gefangnis komme, wenn ich noch einmal zu dem Kind gehe“, erzahlt Margret Lauchbauer. Sie geriet in die Prostitutionsszene, lernte ihren Vater, einen Zuhalter, kennen. Mit ihrem Widerstandsgeist hat Margret Lauchbauer all das uberlebt und es sogar geschafft, eine „tolle Familie“?zu grunden. Doch bis heute sto?t sie an die Mauern eines Behordenapparats, der zwar von Wiedergutmachung spricht, aber anders handelt.

Seit zwei Jahren will die 52-Jahrige Einsicht in ihren Salzburger Fursorgeakt. „Mein Fall geht uber mehrere Bundeslander, die Salzburger haben meinen Akt nicht einmal nach Vorarlberg geschickt.“ Auch andere Betroffene fuhlen sich hingehalten.

„Es ist mein Leben“

Einem heute 53-jahrigen Flachgauer fugte seine eigene Mutter einen Knochenbruch zu, weil der Funfjahrige etwas nicht essen wollte. Der Junge kam durch die Fursorge vom Regen in die Traufe – in das beruhmt-beruchtigte Caritas-Heim Steyr-Gleink, in dem sadistische Gewalt und Missbrauch auf der Tagesordnung standen. Allein der Nachweis, dass er sechs Jahre dort zubrachte, trug dem Salzburger die Hochstentschadigung der Opferanwaltschaft (Klasnic-Kommission) ein.

Die Salzburger Jugendwohlfahrtsbehorde speist den Mann seit zwei Jahren mit Formalismen ab. „Der Amtsleiter sagte, er darf den Akt nicht hergeben wegen der anderen Namen, die drinnen stehen. Wir haben nur ein paar fliegende Zettel aus dem Gerichtsakt mitbekommen. Mein Lebensgefahrte sagt:?Es ist sein Leben, alle konnen in seinem Leben lesen, nur er nicht“, schildert die Gefahrtin des Mannes. Dieser hat drei Ehen, zwei Arbeitsunfalle hinter sich und hat nun um Berufsunfahigkeitspension angesucht.

Im April 2013 entschuldigte sich Ex-Soziallandesrat Walter Steidl bei den ehemaligen Heimkindern und versprach die ganze Hilfe des Landes, so auch die personliche Akteneinsicht. In immerhin 3.000 Fursorgeakten werden die Kinder als „asozial, schwer erziehbar und sexuell verwahrlost“ beschrieben, so der Historikerbericht „Abgestempelt und ausgeliefert“ (StudienVerlag 2013).

Unschuldige Fursorger

Die Sozialabteilung setzte Steidls Ankundigung offenbar aber nicht um. „Wir wollten die Akten und den Zugang offnen. Dann kam aber der Gedanke, man konnte darin Dinge finden, die das Land belasten und Klagemoglichkeiten eroffnen“, beschreibt ein Beamter die Hintergrunde. Die Abteilung verlangte eine politische Weisung, die SP-Mann Steidl vor einem Monat auch erteilte.

Au?er ums Geld ging es auch um ein paar handfeste Dinge. Einige „sehr konfrontative Klienten“ (der Beamte) hatten die Namen ihrer fruheren Fursorgerin verlangt. „Die wollten sie personlich mit ihrer Geschichte konfrontieren.“?Da hatten „die Alarmglocken gelautet“, wo doch „die Fursorgerin wirklich nichts dafur kann, was in den Heimen damals passiert ist“, wie der Sozialbeamte uberzeugt ist.

Ab jetzt echte Einsicht

Bis zuletzt vereinbarte das zustandige Referat lediglich Termine fur eine Aktenauskunft, wo einem der Akt nicht ausgehandigt wird. Margret Lauchbauer wurde mitgeteilt, man konne „im Rahmen der Auskunftspflicht sicherlich einige Fragen zu ihrer fruhen Kindheit beantworten, Akteneinsicht konnen wir ihr (noch) nicht gewahren“, so ein E-Mail vom 22. Mai 2013, das dem SF vorliegt.

Ab jetzt werde die Weisung umgesetzt, versichert Sozialarbeiterin Veronika Enzinger von der Anlaufstelle nunmehr:?„Die Leute konnen ihre Akten lesen und kopieren. Aber die Daten Dritter mussen wir schutzen, wahrscheinlich wird man das schwarzen. Das betrifft nicht die Biografie der Heimkinder. Wir mauern nicht, wir gehen sehr wertschatzend und wohlwollend mit den Betroffenen um“, so Enzinger. Diese Woche wird der neue Sozialreferent Heinrich Schellhorn (Grune) in die Sozialabteilung kommen und „alle offenen Baustellen ubernehmen“, so sein Sprecher Heinrich Breidenbach……Weiterlesen, Originallink:  http://www.bishop-accountability.org/news2013/05_06/2013_06_28_SaltzburgerFenster_LandGibt.htm

Missbrauch in Wiener Heimen: Ein Raum voller schrecklicher Erlebnisse

ulia Herrnböck, 16. Jänner 2013, 18:40
  • foto: standard/newald

    Reinhard Sieder: „Es ist schwer zu glauben, dass Verantwortliche der Stadt nichts von den Zuständen wussten.“


Zahlreich erschienen ehemalige Heimkinder zu einer Buchpräsentation über den Missbrauch und die Gewalt, die sie jahrzehntelang erfahren mussten. Die Wut über Verjährungen und mangelnde Beweise ist groß. Aber auch darüber, dass von der Stadtregierung keiner kam

Wien – Dass es bei all den Prügeln, Hieben und Schlägen durch Erzieher keinerlei Aufzeichnungen von Ärzten oder Rettungsdiensten gibt, die wegen der Schwere der Verletzungen immer wieder gerufen werden mussten, ist blanker Hohn für die ehemaligen Heimkinder. Zahlreich sind sie am Dienstagabend zur Vorstellung des Buches „Der Kindheit beraubt“ erschienen, das Historiker Reinhard Sieder im Auftrag von Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) einst als Bericht erarbeitet hat.

„Diese Institutionen haben ihren Zweck völlig verfehlt. Wer es als Heimkind geschafft hat, im Leben Fuß zu fassen, hat das ausschließlich seiner eigenen Kraft zu verdanken“, beschreibt Sieder den Schaden, der tausenden Menschen in dieser Zeit an Leib und Seele zugefügt wurde. „Es ist schwer zu glauben, dass Verantwortliche der Stadt nichts von den Zuständen wussten – die Gerüchte, die in der Bevölkerung bekannt waren, werden dem Jugendamt auch untergekommen sein“, verdeutlicht Sieder den Vorwurf.

Betroffene beschreibt Missbrauch

„Die Berichte sind wohl genauso verschwunden wie die Axt bei uns im Heim, wenn Besuch da war“, flüstert ein Mann seinem Sitznachbarn zu. Sie und zwei andere, die ihre Jugend im Heim im niederösterreichischen Wimmersdorf verbringen mussten, hätten schon 1982 Anzeige erstattet, erzählen sie. „Es wurde ein Gerichtsverfahren eingeleitet, zu dem wir aber nie geladen wurden. Passiert ist nichts“, sagt einer von ihnen. Ein Amtsarzt habe die Erzieher, von denen sie jahrelang terrorisiert wurden, damals als „nicht vernehmungsfähig“ eingestuft. „Somit ist das verjährt.“

Während eine Betroffene aus ihrem Bericht vorliest, beschreibt, wie sie bereits als Siebenjährige vom Hauswart am Wilhelminenberg zu Oralverkehr gezwungen wurde, um den Prügelstrafen zu entgehen, nesteln einige Zuhörer sichtbar aufgewühlt an ihrer Kleidung. Andere starren auf den Boden, wieder andere nicken.

Nur eine Schwangerschaft habe sie aus dem Martyrium befreit, erzählt die Frau. „Damals war ich 13 Jahre alt, es war die einzige Möglichkeit, dem Heim zu entkommen“, sagt sie mit fester Stimme.

Anschließende Diskussion

Drei andere lesen ebenfalls ihre Geschichten aus dem Buch vor. Eine Frau widmet ihre Lesung all jenen, „die am System verzweifelt sind und deswegen nicht hier sind“. Entweder weil sie die Kraft dafür nicht haben oder weil sie gestorben sind. „Es gab Berichte über Suizidversuche, die auch das Magistrat bekommen hat“, erzählt ein Zuhörer. Die Frau entschuldigt sich unter Tränen bei ihrem Sohn für all das, was er mittragen musste aufgrund ihrer traumatischen Vergangenheit.

Bei der anschließenden Diskussion steht ein Mann aus dem Publikum auf. Er will fragen, warum es keine österreichweite Untersuchung gibt, er stamme aus Kärnten und sei dort blutig geschlagen worden. Doch dann bricht er in Tränen aus, ein großgewachsener Mann von etwa 50 Jahren. Er kann nicht weitersprechen, jemand nimmt ihm das Mikrofon ab.

Die Frage, warum niemand von der Stadt Wien an diesem Abend anwesend ist, wird immer lauter. Die Einladung zur Veranstaltung sei zu kurzfristig erfolgt, sagt ein Sprecher von Oxonitsch am Mittwoch auf Nachfrage. Zudem habe die gemeinsame Präsentation des Berichtes bereits im Juni 2012 stattgefunden. Der zuständige Magistrat werde nun in Arbeitskreisen aus dem Bericht herausarbeiten, was für die Zukunft der Fürsorge Relevanz hat. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 17.1.2013)

Danke an den Standard für seine kritische Berichterstattung!

Originallink: http://derstandard.at/1358303737846/Missbrauch-an-Heimkindern-Ein-Raum-voller-schrecklicher-Erlebnisse?seite=2#forumstart